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	<title>Philspass &#187; Geschichte</title>
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  <title>Philspass</title>
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		<title>Wie ich keine Geschichte schrieb</title>
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		<pubDate>Sat, 22 Mar 2008 06:32:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernd Floßmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Begehren war sofort da. Einfach da. Die Ideen auch. Story, Plot, alles verlangte danach, geschrieben zu werden. Es war mir sofort klar, dass die Geschichte keines meiner Probleme lösen würde. Es war nicht genügend Profit vom Verkauf zu erwarten, es wäre meine erste Geschichte und erste Geschichten bringen nie etwas ein, besonders, wenn sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Das Begehren war sofort da. Einfach da. Die Ideen auch. Story, Plot, alles verlangte danach, geschrieben zu werden.</p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Es war mir sofort klar, dass die Geschichte keines meiner Probleme lösen würde. Es war nicht genügend Profit vom Verkauf zu erwarten, es wäre meine erste Geschichte und erste Geschichten bringen nie etwas ein, besonders, wenn sie gelungen sind. Weder die Machart noch das Thema würden zu meinen Lebzeiten irgend jemanden interessieren. Selbst von meinen Freunden war nicht die geringste Empathie zu erwarten, denn sie würden sich in der Geschichte weder erkennen noch angenehm spiegeln können. Der Text war so fern von allen ihren Kontexten angesiedelt, dass die Wahl des Sujets allein schon eine Vernachlässigung und damit eine Beleidigung darstellen würde. Schon das geringste Interesse hätte eine so große Anstrengung vorausgesetzt, dass es einfach zu viel verlangt wäre, diese Anstrengung von ihnen zu erwarten. Nicht mal um den Beginn der Geschichte, die ersten Worte musste ich mich kümmern, sie fanden sich, als Magnete an die Kühlschranktür geheftet: “Liebe geht durch …” </p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Allein, die Niederschrift des Textes würde einen Teil von mir vergegenständlichen, der bisher nur meine Existenz war. Dieser Teil ging niemanden was an, er gehörte nur mir. Jetzt wäre er auch für andere da. Ich selbst würde meinem eigenen Text gegenüber ein Anderer sein. Diesen Text würde ich nie wieder mein Eigen nennen können. Fremd und vielleicht bedrohlich würde er mir gegenüberstehen, als Text eines Anderen, der ich nicht mehr war, der ich mich selbst als einen anderen erzählen würde. Fremd und bedrohlich, ein Spiegelbild, welches von jedem Leser, ja sogar von mir selbst nicht als wirkliches Spiegelbild, sondern vielleicht als ein Bild mit dem ich mich zu identifizieren wünschte, mühelos als ein Bild meiner Eitelkeit identifiziert werden würde. Der Spalt zwischen diesem Bild und dem, was in mir verbliebe wäre so groß, so unüberwindbar, dass nicht nur keine Befriedigung, sondern nur noch grösseres Begehren aus dem Schreiben des Textes entstehen würde. Bisher hatte ich in meinem Leben wenig unbefriedigtes Begehren zugelassen. Was ich nicht bekommen konnte, das begehrte ich auch nicht. So wenig ich unbefriedigtes oder nicht zu befriedigendes Begehren zugelassen hatte, so wenig Schmerz war auch in meinem Leben, bisher.</p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Dieses Begehren jedoch, so ahnte ich, nein wusste ich sofort, würde funktionieren wie eine Droge. Jedes Wort, niedergeschrieben, wäre der Aufweis eines Mangels der nach Ausfüllung verlangte durch neue Worte, Sätze … und so fort. Jede Befriedigung wäre augenblicklich verletzend, würde mich meiner Schwäche bewusst und mich doch nicht frei von der Schuld, mich doch nicht unabhängig von diesem Verlangen machen.</p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Irgendwann wäre mein Glück nur noch im Schein der Worte, dem kurzen Moment des Niederschreibens. Wie in der modernen Fotographie wäre nicht mehr der Text, das Ergebnis wichtig, sondern der Akt des Schreibens als immer währende Folge des Verlierens, Weggebens, in der vergeblichen Hoffnung, etwas zu gewinnen. So wie meine Kinder weggegangen sind und nun, wenn sie wieder zu mir kommen, Fremde sind, schwer zu verstehende Andere, nicht mehr meine. Mein Glück wäre nicht mehr das einfache Dasein sondern ein Sein im Anderen. Eben niedergeschrieben würde ich versuchen, mich in den gerade noch eigenen Worten wieder zu erkennen, vielleicht sogar Stolz oder gar Selbsterkenntnis zu gewinnen. Vergeblich. Das Bewusstsein dieses Andersseins im Spiegel des Papiers, das sich immer mehr zwischen mich und meiner Aufmerksamkeit als Rezipient schieben würde, bis ich dem Bild selbst verfiele, versuchte, ihm ähnlich, ihm gerecht werden zu wollen. Ich würde immer mehr das erbärmliche Bild eines Menschen abgeben, das seinem Bild verfiele, aber nicht wie Pygmalion in Liebe zum kalten Abbild der Schönheit, sondern in der Sehnsucht nach der verlorenen Einheit mit diesen Worten in Liebe zu mir selbst zu einem Teil, welches, vergegenständlicht, immer fremd wäre. Ich würde immer nur ein Fremder sein. </p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Wo ich versucht wäre, hinter meinen Worten entdeckt zu werden, würde ich immer unschärfer, undeutlicher, undeutbarer, weniger sichtbar werden. </p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Es erfordert viel Geschick und grosse Anstrengung, keine Geschichte zu schreiben. Geschichten wollen erzählt werden. Sie sind rücksichtslos auf den Willen des Erzählers, drängen nach aussen und lassen den Erzähler mit dem Spott der Umwelt allein. In der Vorstellung, dass es ein eigenes Reich der Geschichten gäbe das nach Wirklichkeit drängt, sei es als “Reich Gottes” oder als Platons Ideenhimmel oder als Walten des Weltgeistes finden wir die Bilder zu dieser Tatsache.</p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Einen Text lesen, heißt den Blick eines Textes ertragen zu können. Einen Text schreiben, heißt, den eigenen Blick ertragen zu können, der auf mich als einen Anderen schaut. Mehr noch, ein Text wird nicht angeblickt, ein Text lässt sich anblicken. Nicht der Blick macht den Text, sondern der Text macht den Blick. Mein Blick auf meinen Text ist im Moment des Niederschreibens nicht mehr mein Blick sondern der Blick des Textes, der mich liest um entäußert zu werden. Und dieser Text wächst sich zu einer Erzählung aus. Ich bin nicht mehr was ich bin, ich bin was über mich erzählt wird. Ob ich es selbst bin, der erzählt oder ob es Andere sind, ist für diese Tatsache irrelevant. Im Augenblick des Erzählens werde ich die Macht verlieren über das Erzählte und das Erzählte wird mich erzählen, eine Erzählung über mich sein, aus der mein Ich später rekonstruiert wird, ein Ich das Ich nicht bin. Denn Ich ist ein Anderer. Und dieses Später beginnt immer sofort. Deswegen sollte ich die Geschichte nicht erzählen.</p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">So schrieb ich die Geschichte vielleicht nicht, um zu verhindern, dass die Geschichte mich schrieb. Vermutlich bin ich deshalb aber auch einer geblieben, der nicht durch das Anderssein gegangen ist, deshalb nicht einmal sich selbst gewesen ist. Ich weiss nicht, wie lange ich der Geschichte noch widerstehen kann. Ich werden älter, die Kräfte lassen nach, die Angst beginnt. Mit dem Nahen meines Endes drängt die Geschichte durch meinen Widerstand nach aussen. Sie will bleiben, wenn ich gegangen bin, sie will meine Existenz haben, meine Existenz werden.</p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Ich bin mir immer weniger sicher, ob nicht der Widerstand selbst, den ich nach so langen Jahren immer noch nicht aufgegeben habe, seine eigene Geschichte geschrieben hat, sich mir in das Gesicht eingeschrieben, die Mundwinkel geformt, die im entspannten Zustand immer mehr nach unten wandern als für jede<br />
n Anderen ausser mir, der ich mich selbst nur aus dem Spiegel kenne, nur als Spiegelbild kenne, für jeden Anderen sichtbares Zeichen, frei und damit rücksichtslos interpretierbar und ich, trotz aller meiner Bemühungen verletzbar durch jede und jeden Anderen, mich vergeblich gewehrt habe.</p>
<p style="margin-top: 8px;margin-right: 0px;margin-bottom: 0px;margin-left: 0px;text-indent: 28px;font: normal normal normal 13px/normal Optima">Plötzlich wurde mir klar, dass wahrscheinlich alle die Geschichten welche Andere geschrieben haben und immer noch schreiben in Wirklichkeit gar keine Geschichten sind. Dieses Schreiben von Geschichten ist der Trick, keine Geschichten zu schreiben. Alle Geschichten waren nur Ersatz, Spiegelfechterei, Täuschung. All die Schriftstellerinnen und Schriftsteller schrieben um zu verhindern geschrieben zu werden. Ihre Geschichten handelten deshalb immer weniger von ihnen selbst als von phantastischen Personen und Dingen, die nicht weit genug von der Existenz der Schreibenden entfernt sein konnten. Diese Geschichten waren von vornherein als fremde Geschichten konzipiert und wurden vom Publikum auch bereitwillig und wissend als Schein von Geschichten  gelesen um wiederum die Bildung eigener Geschichten zu verhindern, um als personae, als Masken, das eigene Fremdsein durch eine noch fremdere Hülle weniger spürbar, weniger schmerzhaft zu gestalten.</p>
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		<title>Zeit und Subjektivität</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Feb 2007 23:32:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernd Floßmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Gegenwart]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Zukunft]]></category>

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		<description><![CDATA[Zeit ist ein Phänomen. Das heißt, es gibt Effekte, an denen wir erfahren können, dass es etwas gibt, das wir als Zeit beschreiben können. Die Sanduhr zeigt das Phänomen Zeit, wie es uns erscheint: Es gibt eine Zukunft (der Sand im oberen Teil des Glases), eine Vergangenheit, (der Sand im unteren Teil des Glases), und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zeit ist ein Phänomen. Das heißt, es gibt Effekte, an denen wir erfahren können, dass es etwas gibt, das wir als Zeit beschreiben können. Die Sanduhr zeigt das Phänomen Zeit, wie es uns erscheint: Es gibt eine Zukunft (der Sand im oberen Teil des Glases), eine Vergangenheit, (der Sand im unteren Teil des Glases), und eine Gegenwart, die Verjüngung zwischen den beiden Hälften, der Ort, an dem das Sandkorn von oben nach unten fällt.</p>
<p>Die Zeit, wie sie für uns erscheint, ist ein Prozess. Vergangenheit und Gegenwart sind etwas, das dann, wenn wir sind, <strong>nicht</strong> sind. Das eine war einmal, das andere wird erst sein.  Soweit ist es banal und allen bekannt. Was sind aber die Schlussfolgerungen aus diesem Erscheinen von Zeit (oder ihrer Phänomenologie)?</p>
<p>Vergangenheit ist etwas, das <em>jetzt</em> ist, denn nur in der Gegenwart existiert etwas. Vergangenheit ist ein Konstrukt, aus den Residuen der Vergangenheit rekonstruiert und neu erzählt, immer wieder und immer aus dem Standpunkt jener Verjüngung der Sanduhr.</p>
<p>Zukunft, die ja noch nicht ist, kann für uns Seiende ebenfalls nur konstruiert werden, ebenfalls aus den Residuen der Vergangenheit und der daraus anzunehmenden Tendenz, existiert also ebenfalls <em>jetzt</em>.</p>
<p>Vergangenheit und Zukunft sind also existent im Jetzt,  es gibt nichts anderes als die Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft ist etwas, das ausschließlich als Interpretation von im Jetzt existierenden, wirkenden Resten aus der Vergangenheit existiert. So existieren für uns Vergangenheit und Zukunft als etwas Subjektives, nur in unserem Denken existierendes. Wie alles in unserem Denken Existierende beschränkt sich diese Interpretation auf das, was wir heute, jetzt erinnern oder finden und für die Interpretation nutzen können.<br />
Gegenwart ist demnach der Ort der Konstruktion von Vergangenheit und Zukunft, einer Konstruktion, die sich ständig ändert, einmal, weil die erwünschten Zukünfte von der Interpretation der Residuen der Vergangenheit abhängen, weil sie Weitererzählungen der Geschichte(n) über diese Residuen sind. <strong>Wenn es Geschichte gibt, gibt es sie jetzt, wenn es eine Zukunft gibt gibt es sie eben gerade jetzt, weil und insofern ich von ihr erzähle.</strong></p>
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