Die Mauer ist nicht gefallen
Samstag, 10. Oktober 2009 | Autor: Bernd Floßmann
Es ist interessant, die Wortwahl zu historischen Ereignissen über die Jahre zu vergleichen.
So: “Der Fall der (Berliner) Mauer 1989” der jetzt mit den zwanzigsten Jahrestag gefeiert wird.
Wer sagt das? Oft gerade diejenigen, welche am Wenigsten für die Zerstörung der Mauer getan haben und oft auch jetzt noch am meisten dafür tun, die Mauer aufrecht zu erhalten.
Ich bin der Meinung, das war damals kein Naturprozess, der den Menschen zugestossen ist, sondern eine aktive Tat und Entscheidung praktisch der gesamten Bevölkerung der DDR. Es ist dem Westen zugestossen, so wie es schon beim Bau der Mauer war.
Auch damals hatten die Adenauer’s und die Krenze vorher und währenddessen geschlafen und nichts bemerkt, aber dafür später mehr oder weniger erfolgreich versucht, ihren Profit aus der Existenz dieses Bauwerks zu schlagen, so wie die Enkel Adenauers aus seiner Zerstörung auch.
Der Bau wie die Zerstörung der (Berliner) Mauer war Menschenwerk, bewusstes massenhaftes Handeln, oft unter akuter Gefahr für Leib und Leben. Das Phänomen der “Mauerspechte” zeugt davon, wie wenig beherrschbar durch Einzelherrscher solche Prozesse sind. Wer diese deshalb aber jetzt zu einem Naturprozess umredet, gibt ironischer Weise den stalinistischen, vulgärmarxistischen Interpreten von Karl Marx recht, welche historische Bewegungen auf naturgeschichtliche Prozesse reduzieren möchten und so Erdbeben, Pest, Kriege und Revolutionen auf die gleiche Stufe stellen.
Wir wissen, wer es liebt, vom Ausbruch von Kriegen zu reden und wer auf der anderen Seite vorzieht, Kriege als von Menschen angezettelt, vorbereitet und “vom Zaune gebrochen” zu bezeichnen.
Was hier nicht verstanden wird oder verstanden werden will, ist die Dialektik der ganzen Sache, in der sich über das freie Handeln von Menschen gesellschaftliche Prozesse auf naturgeschichtliche Weise durchsetzen. Dafür müsste man freilich Karl Marx lesen, statt ihn nur zu hassen und zu verdammen.
Als ich damals im Oktober 1989 von Studenten gefragt wurde, was ich von dieser Bewegung hielte, antwortete ich mit Nietzsche: “Ich misstraue Massenbewegungen …”
vgl. auch dieses Interview mit Egon Krenz und die Diskussion dazu


