Funktionale und dysfunktionale Spiele
Sonntag, 2. November 2008 | Autor: Bernd Floßmann
Die Betrachtung von menschlichen Beziehungen unter dem Aspekt des Spieles erlaubt es Unsicherheiten, die aus Naturereignissen oder der Freiheit der Anderen resultieren, zu verstehen und vielleicht sogar zu verringern.
Das Ergebnis angewandter Spieltheorie sind Strategien mit höheren Gewinnwahrscheinlichkeiten für beide Seiten. Genau genommen wird versucht, einen Widerspruch durch Regelwerke zu bewältigen – den Widerspruch zwischen dem eigenen Gewinninteresse und den Gewinninteressen der Anderen. Was jeweils den Wert “Gewinn” bekommt, ist bei den Parteien jedoch auch oft unterschiedlich.
Solch ein Regelwerk ist zum Beispiel bei der gerechten Teilung von nicht abzählbaren Werten anzuwenden.
Wenn zwischen 32 Menschen z.B. Wohnungen unterschiedlichen Wertes aufgeteilt werden sollen, ist es Unfrieden stiftend, das
- für die Menschen zu tun (durch einen Dritten, Mächtigen, als Zuweisung, Diktatur) (vgl. die sog.Hauptaufgabe des Sozialismus in der DDR: “Alles zu tun für das Wohl der Menschen.”)
- oder durch die Menschen selbst (Autonomie, Freiheit),
- oder durch das Los (Zufall, Gottesurteil),
weil sich immer einige der Menschen benachteiligt fühlen werden.
Der Trick ist, drei wichtige Spielelemente einzubeziehen:
- eine freie Entscheidung der Betroffenen aus mindestens drei Möglichkeiten (denn eine Möglichkeit ist Zwang, zwei ist eine Wahl und drei ist Freiheit)
- den Zufall, das Los
- den Zeitdruck
- den Payoff, die Auszahlung.
Wenn sich jede/r Betroffene für mehrere Wohnungen entscheiden muss, dies unter Zeitdruck tun muss (um Aussitzen zu verhindern) und schliesslich ein Los die genaue Zuweisung bestimmt, ist jede/r mehr oder weniger glücklich und die Wahrscheinlichkeit, dass jede/r eine Wohnung erhält, die den Bedürfnissen entspricht und das Erhalten der Wohnung als Folge einer eigenen Entscheidung ansieht, grösser als in den diktatorischen oder anarchischen Varianten.
Die Auszahlung ist dazu noch eine offene: Die Lösung des Verteilungsproblems, und eine geheime: ein Emotionsgleichgewicht, wenn nämlich nicht alle späteren Nutzer/innen einbezogen werden können, aber auch nicht gewartet werden kann, wird die offensichtliche Benachteiligung der Späterkommenden (FiFo – First In – First Out) als Mischung aus Schadenfreude über einen Vorteil und schlechtem Gewissen gegenüber den Späterkommenden, die ja auch mal Nachbarn sein werden in Kauf genommen und führt zum Genuss und zum Stillschweigen..
Was durch ein Spiel verändert wird, ist also die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Ereignisses und die Gefühle der Spielenden.
Beim Mensch-ärgere-dich-nicht Spiel sind diese Elemente repräsentiert durch
- eine freie Entscheidung der Betroffenen welche der eigenen vier Figuren ich ziehe.
- den Zufall, das Los, den Würfel
- den Zeitdruck, der durch die Weitergabe des einen Würfels erzeugt wird
- den Payoff, die doppelte Auszahlung, den Genuss dass ich eher als andere im Haus bin, den Wettbewerb und dass ich zwischendurch, um die Energie des Spieles zu halten, jemanden “rauswerfen” kann .
Das gilt für funktionale Spiele.
Wenn ich über funktionale Spiele rede, will ich jedoch auch über dysfunktionale Spiele reden, wie sie Eric Berne so genau in menschlichen Beziehungen analysiert hat. Der Output solcher Spiele ist nicht die wahrscheinliche Zufriedenheit sondern die sichere Unzufriedenheit möglichst aller Beteiligten.
Dysfunktionale Spiele sind nicht Betrugsspiele, bei denen eine Partei auf Kosten einer anderen Partei glücklich wird (Loser – Winner), sondern Spiele, bei denen der Spielgewinn die Bestätigung eines unglücklichen Status Quo, die Erhaltung eines Zustandes ist. Dysfunktionale Spiele sind konservative Spiele, deren Auszahlung die dysfunktionale Möglichkeit ist, bereits erworbene Erfahrungen einzusetzen, weil die Situation immer wiederholt wird.
Insofern sind dysfunktionale Spiele auf einer anderen Ebene funktional, weil sie statuserhaltend sind. So sind Sklaven und Sklavenhalter an der Erhaltung der Sklaverei interessiert – wie man auf Haiti während der französischen Revolution, Lohnarbeit und Kapital an der Erhaltung des Kapitalismus, wie man an den Demonstrationen der Arbeiter für den Verkauf ihrer Betriebe nach dem Ende der DDR sehen konnte. Die Basis für das Interesse ist die positive Auszahlung als Hoffnung dass diese Systeme funktionieren und zur Versorgung beider Seiten führen oder führen könnten.
Natürlich finden wir das auch in Beziehungen wie Ehen oder Partnerschaften wieder, mehr noch, hier ist es ein ständiger Zustand, wenn die Partner ihre unglückliche Beziehung den Risiken eines Neuanfangs vorziehen.


