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Streit

Freitag, 31. Oktober 2008 | Autor: Bernd Floßmann

In der Nachbarwohnung streitet sich ein Paar. Weil ich die Sprache nicht verstehe, kann ich mich auf den Streit “an sich” konzentrieren. Worum wird es gehen? Meistens wohl um Geld. Oder um Treue, also auch um Geld.

So wie die Basis des Anspruchs der Männer auf Treue die Notwendigkeit der externen Erbschaftsregelung ist (seit der patrilinearen Erbschaftsableitung ist eben nicht mehr sicher, wer der Vater war, bei der matrilinearen Ableitung war es immer sicher, wer die Mutter war, eine externe Regelung war nicht nötig), ist die Basis des Anspruchs der Frauen auf Treue die Versorgung. Wo die Männer nicht mehr auf Erbschaft und die Frauen nicht mehr auf Versorgung angewiesen sind, spielt Treue nur noch eine untergeordnete Rolle.

Aber spielen nicht auch Ehre, “Was-wird-die-Nachbarschaft-dazu-sagen” oder sexueller Neid eine Rolle? Sicher, verglichen aber mit der Rolle des Geldes sind diese eher Begleitmusik.

Das eigentlich witzige, der “Wit” am Streit ist jedoch, dass die streitenden Paare zusammenbleiben so lange sie streiten. Nicht nur das, sie neigen auch dazu, sich Abhängigkeiten zu schaffen, die abzustreifen grössere Energie kosten würde als der Streit selbst kostet.

Der Streit verweist so in der Regel nicht auf eine Auseinandersetzung, sondern auf ein Zusammensein, einen Zusammenhang. Dialektisch gesehen ist nicht der Streit der Gegensätze das Bemerkenswerte, sondern die Einheit der Gegensätze, diese spezielle lebendige Harmonie, für die der Streit, die Auseinandersetzung, nur das Ventil, der Energieausbruch sind.

Die Tatsache, dass die streitenden unversöhnlichen Seiten untrennbar aneinander gekettet sind, ja dass der Streit, der beiden so unangenehm und unharmonisch erscheint, geradezu die Basis der Beziehung bildet, verweist so auf ein Drittes. Nicht der Streit der Gegensätze ist das Interessante, nicht die Einheit der Gegensätze ist das Interessante, sondern die Art der Streitausübung, das Leben des Widerspruchs, die lebendige Bewegung der streitenden Seiten ist eine sinnvolle Basis auch der philosophischen Betrachtung.

Das ist es wohl, was Heraklit mit seinem Satz: “Der Krieg (polemos) ist der Vater aller Dinge” gemeint hat.

polemos panton men pater esti, panton de basileus, kai tous men theous edeixe tous de anthropous, tous men doulous epoiese tous de (e)leutherous. (Frgm. 53)

(Auseinandersetzung ist allem (Anwesenden) zwar Vater (der aufgehen läßt), allem aber (auch) waltender Bewahrer (König). Sie läßt nämlich die einen als Götter erscheinen, die anderen als Menschen; die einen stellt sie her(aus) als Knechte, die anderen aber als Freie.)

(Quelle: http://www.arte-fact.org/kaumstan/kaums05b.html)

Aber auch Flussers Hinweis sollte hier Beachtung finden: Heraklit hielt alle Dinge für eine Art Umweltverschmutzung (und ist damit als der “Dunkle” wohl gleichzeitig ein Romantiker) daher ist der Krieg der Vater alles Verächtlichen.

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