Von Untergebenen zu Mitarbeitern
Sonntag, 5. Oktober 2008 | Autor: Bernd Floßmann
Wenn der Unterschied zwischen Vorgesetztsein und Führung beschrieben werden kann, muss es auch möglich sein, die andere Seite dieser Funktionen gesellschaftlicher Beziehungen zu beschreiben.
Untergebene haben eine besondere Stellung in der Dialektik der gegenseitigen Abhängigkeitsbeziehung von Menschen in Hierarchien und Verantwortungsnetzen, abhängig davon, in wie weit ihre untergebene Stellung eine selbst gewählte, wie als Lohnarbeiter oder eine zugemessene, wie als Sklave ist.
Die Untergebenen definieren die Vorgesetzten und die Vorgesetzten setzen Untergebene.
Eine Besonderheit ist hier, dass Untergebene, einmal zu Untergebenen gemacht oder als Untergebene akzeptiert, sofort aktiv werden. Untergebene produzieren sich Vorgesetzte nach Wunsch. Dabei ist nicht relevant, ob der Wunsch den Untergebenen bekannt oder als unbewusstes Verlangen unbekannt ist. Untergeben sein ist eine Machtposition eben weil hier auf Macht verzichtet wird. Es wird nämlich nicht wirklich auf Macht verzichtet, weil Untergebene als Ausführende von Aufträgen immer Macher sind, also Macht im Namen Anderer ausüben.
Diese Arbeit im Namen Anderer erlaubt es, Verantwortung abzuschieben ohne wirklich auf Macht verzichten zu müssen. Oft wird es Vorgesetzten auch sehr leicht gemacht, Vorgesetzter zu werden, oft wird auch aus Angst vor der Verantwortung die Verantwortung so lange den schwächsten, am wenigsten Cleveren zugeschoben bis am Ende, wie Branstner formulierte, der Esel der Amtmann ist und die Tiere große Mühe hatten, ihn von diesem Amt wieder herunter zu bringen.
Diese Machtposition, die wir auch bei der Definition von Religionen oder im psychologischen Dreieck Opfer-Täter-Helfer finden, ist sehr fruchtbar für die Untergebenen, weil sie ohne Verantwortung etwas produzieren, sich verhalten können, deshalb ist diese Funktion auch sehr begehrt. Dieses Begehren zeigt sich nicht nur in dem weit verbreiteten Wunsch, Beamte zu werden, sondern auch in dem weit verbreiteten Wunsch, unter seinen (Ehe-) Partnern zu leiden.
Wenn diese Wünsche frustriert werden, diese Auszahlung im Spiel von Untergebenen und Vorgesetzen ausbleibt, kompensieren Untergebene dadurch auftretende Mangelerscheinungen durch Pejorationen und Anspruchsdenken. Verletzungen in ihrer ohnehin eingeschränkten Ehre beantworten Untergebene durch innere, stille Proteste bis zu Formen von innerer Kündigung oder Streik durch Arbeit nach Vorschrift.
Mitarbeiter dagegen definieren sich durch die Übernahme von Verantwortung und damit über eine funktionelle Arbeitsteilung, die nicht hierarchisch ist. Dadurch sind sie extrem belastbar und hoch motiviert. Mitarbeiter werden durch Führungskräfte definiert. Führung bringt genau die Modifikation der Leistungsbedingungen, die die Möglichkeit des Erfolges konstituierenden Bedingungen potenziert oder ausgleicht.


