Individuum und Gruppe
Donnerstag, 14. August 2008 | Autor: Bernd Floßmann
Wenn eine grosse Gruppe zusammen versucht, Probleme zu klären, zeigt sich recht schnell, dass jede einzelne Person der Gruppe für die anderen mitdenkt.
Wie jeweils Teile eines Gehirns arbeitet das gemeinsame Denken der Gruppe in den einzelnen Für und Wider eigene individuelle Strategien aus. Auch wenn jedes einzelne Gruppenmitglied sich mit den Teilmeinungen wieder findet, stellt sich heraus, dass die Gruppe ein Gesamtindividuum bildet, mit eigenen Gedanken und eigenen Gefühlen.
Mitgerissen durch dieses „grössere“ Individuum der Gruppe erfolgt eine Anpassung des einzelnen Individuums, das seine eigenen Bewegungsgesetze verändert und schließlich in einer mimetischen Weise mit dem Gesamtindviduum verschmilzt.
Dieses Aufgehen im Gesamtindividuum ist kein Verlust, jedenfalls nicht immer und auf die Dauer. Sicher wird sich das einzelne Individuum nach der Trennung vom Gruppenkörper überrascht in der eigenen Individualität wiederfindend veranlasst sehen, eben noch Gedachtes mit dem nun anders Denkbaren zu vergleichen und entweder Reue oder Begeisterung (Be-Geisterung) zu entwickeln.
Da das Gesamtindividuum auf Grund des grösseren Gehirnvolumens aber zu interessanteren Lösungen, originelleren Vorschlägen und besser durchdachten Strategien kommt, ist das Einzelindividuum mitunter leichter zu überzeugen, die Insistenz dieser Denkergebnisse als eigene zu akzeptieren, vielleicht so gar in die eigene Individualität zu integrieren.
Lässt sich der Lacan‘sche Ex-istenzansatz hier integrieren?
Wenn Existenz die exzentrische, aus der Mitte geworfene Struktur beschreibt, haben wir hier also ein Individuum, welches durch die Masse der Gruppe oder eines starken Einzelindividuums aus seiner Mitte abgelenkt oder wenn es vorher exzentrisch war zu seiner Mitte hin gedrängt werden kann.
Das Erste nennen wir Bildung oder Mimesis, das Andere nennen wir (Gruppen-) Therapie.


