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Aufklaerung ist ein Sonderfall

Sonntag, 23. März 2008 | Autor: Bernd Floßmann

Aufklärung geht von mindestens vier Prämissen aus:

  1. Das Volk weiss nichts (oder Einiges Wichtiges nicht) von selbst, ist unwissend, dumpf
  2. Das Volk will was wissen
  3. Es gibt einzelne Menschen, so genannte Intellektuelle (das sind die mit Intellekt, unterschieden von denen ohne Intellekt), die wissen etwas besser
  4. Wenn die Menschen wissen wie es geht, machen sie es richtig (bzw. die Menschen handeln falsch, weil sie es nicht richtig wissen).

Auf diesen aufklärerischen Grundannahmen, die im übrigen auch die Grundannahmen der kommunistischen Bewegung waren (“die Arbeiterklasse wird durch ihre Lebensumstände an der Bildung gehindert, die Intellektuellen, die Zeit und Musse zum Studieren haben, bringen den Geist in die Massen. “… allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift” …”) basiert das System der Volksbildung, der freien Presse.

Überprüfen wir diese Behauptungen:

Zum 1. Punkt: Die Einschränkung zeigt schon, dass die Mehrzahl von Intellektuellen durchaus naturwüchsiges Wissen, Erfahrungen im Volk anerkennt, dieses Wissen aber nicht so hoch bewertet, wie aus der “Wissenschaft” hervorgegangenes Wissen. Die Weisheit des Volkes, als Erfahrung, Vorahnung, Märchen, Spruch, Sitte, Regel gespeichert und übermittelt, wird durch Aberglauben, Irrglauben, Glaube überhaupt konterkariert und deshalb abgewertet.

Zum 2. Punkt: Die Verbreitung des Fernsehens, und dort die Einschaltquoten bei den eben gerade NICHT aufklärerischen Sendern, die Verwendung des Internet und die Struktur des Zeitschriftenmarktes zeigen, ebenso wie die öffentliche Darstellung von Wissenschaftlern (Modell “verrückter Professor”), dass das Volk Wissen vermeidet, ängstlich verfolgt und wenn irgend möglich, auf abstraktes, verkürztes, sprichwörtlich “BILD-Zeitungsniveau” herunterkürzt. “Wissenschaftler haben festgestellt, dass …” Nie wird das Subjekt “Volk” auf die Idee kommen, zu hinterfragen: Welche Wissenschaftler, welche Forschungsmethoden, welche Verifizierungsmethoden, welches Modell der Grundannahmen u. s. w. weil das zur Folge hätte, dass konkretisiert (verkompliziert) wird. Wir, als Volk wollen aber einfache Aussagen wie: “Jesus lebt!”, “Gott ist tot!” oder “Der Sozialismus siegt!”. Eine Wahrheit, die nicht auf ein T-Shirt gedruckt werden kann, ist nicht popularisierbar.

Zum 3. Punkt: Das Herausheben des Intellektuellen aus dem Volk hat zur größten Vernichtung von historisch entstandenem Wissen geführt, das ist bekannt. Die Gebrüder Grimm begannen gegen den Widerstand der Pfaffen, also der christlich-ideologischen Intellektuellen, Märchen und Sagen zu sammeln, kurz bevor sie durch die Aufklärung in Vergessenheit gerieten. Warum sollten Geschichten über Zwerge und Geister weiter erzählt werden, wenn ich den Berg abgetragen habe auf dem sie wohnten um die Braunkohle darunter zu nutzen?

Zum 4. Punkt: Nun, das ist ein ganz altes philosophisches Problem. Wir finden Informationen dazu beim Thema Akrasia. Die Handlungstheorie hat sich seit Platon mit dem Widerspruch zwischen der intellektuellen Definition der Handlung als “bewusstes Handeln, d. i. vom Bewusstsein, dem Denken, dem Willen, der Vernunft gesteuert” und der Beobachtung des “Handelns wider besseren Wissens” korrespondierend mit dem “Glauben wider besseren Wissens” abgekämpft.

Ich denke, ein Problem liegt in der Definition der Menschen als vernunftbegabt – und dem Vernachlässigen der Tatsache, dass der Mensch überwiegend Tier ist (So singt der Dichter: “Was ist der Mensch: Halb Tier – halb Engel” – eine optimistische Annahme, von Friedrich Engels zitiert …).

So hilft es, wenn wir die Prämissen der Aufklärung selbst kritisieren:

  1. Vielleicht gibt es das “Volk” nicht! Es gibt nur einzelne Menschen, und das Verhalten von diesen einzelnen Menschen in Gruppen. Eine dieser Gruppen wird als “Volk” bezeichnet.
  2. Als einzelne Menschen sind selbst Wissenschaftler ausserhalb ihres Gebietes nur an Lösungen interessiert, diese Lösungen sollten möglichst einfach (abstrakt) sein. Wir wollen nicht wissen wie das Strömen von Elektronen zwischen Spannungspotentialunterschieden in Wolframfäden Photonenemissionen hervorruft, deren Reflektion von Oberflächen und Auftreffen auf spezielle Nervenzellen in unseren Augen Signale hervorrufen, aus denen unser Gehirn zusammen mit Erinnerungen Bilder konstruiert, wir wollen, dass es hell ist und wir wollen wissen, welchen Schalter wir betätigen müssen. In der Regel interessieren wir uns erst dann genauer für den Prozess, wenn im pragmatischen Prozess Störungen auftreten. Dann befragen wir jedoch intellektuelle Spezialisten, Elektriker, Augenärzte und Philosophen.
  3. Jeder Mensch ist auf irgend einem Gebiet Intellektueller, weiss etwas besser als Andere, und wenn es nur das Wissen darum ist, wo der Hammer hängt.
  4. Die Bewegung von Menschen ist mitunter auch bewusst und manchmal ist die Idee, nach der sich bewegt wird, aus dem eigenen Hirn entstanden. Das sind aber Ausnahmen. In den meisten Fällen bewegen sich Menschen einfach so. Dazu kommt, dass das Bewegungsmuster von Menschen im Einzelfall zufällig und als Gruppe im gleichen Moment als gesetzmäßig beschrieben werden kann (z. B. bei der Zeugung). Ob ein Handeln richtig war, ist immer nur post festum, also nach der Handlung festzustellen und auch da nicht immer eindeutig. Vernünftiges Handeln ist ein seltener Sonderfall menschlichen Handelns.
  5. Wissen entwickelt sich vom Expertenwissen (“Know-that”, Doktor Allwissend, wie bei Sloterdijk), über das Fertigkeitswissen (“Know-how”, gewusst wie) zum interaktionalen Wissen, zur Fähigkeit, in komplexen Situationen klar zu kommen (“knowing in action”, Praxiswissen, Wissen wo’s steht und wie ich an die Information rankomme und wie ich in der Gruppe handle).
  6. Aufklärung ist ein Prozess der Verhinderung von Verdunkelung, nicht der Erleuchtung. Dieser Prozess ist permanent, weil Wissen weh tut. Gehen wir vom “vernünftigen Handeln nach Gründen” als Sonderfall menschlichen (und tierischen) Bewegens aus, wird klar, dass Philosophen, so auch Davidson bei der Diskussion des Handelns über Sonderfälle menschlicher Bewegung sprechen und so lange Probleme mit der Darstellung haben werden, wie sie jede Bewegung mit dem Handeln gleich setzen. Aufklärung könnte so definiert werden, dass sie der Versuch ist, das Bewegen von Menschen zum Handeln zu entwickeln, den Sonderfall also immer mehr zur Regel werden zu lassen.

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