Abstraktes und Konkretes
Dienstag, 4. März 2008 | Autor: Bernd Floßmann
Seit Hegels kleiner Schrift “Wer denkt abstrakt?” sehe ich das Verhältnis von Abstraktem und Konkretem mit anderen Augen.
Jeder hat mal was von “abstrakter Kunst” gehört. Das sind die Sachen wo man nix erkennen kann, die aber trotzdem anrührend bis schön sind. Dagegen steht die “realistische Kunst”, wo man getrost fragen kann: “Was wollte der Künstler , die Künstlerin uns damit sagen?”.
Wir finden auch immer wieder den Vorwurf an Wissenschaftler(innen), dass sie zu abstrakt, zu hochtrabend zu abgehoben, fern der Realität u. s. w. seien.Wenn man aber genau hinsieht, zeigt sich, dass die realistische Kunst, zum Beispiel in der Form der “Parteikunst” ebenfalls Sachen auf den Bildern weglässt, nicht zeigt, ausblendet.
Was bedeutet abstrakt? Nun, zunächst einfach, dass etwas weggelassen wird. Konkretes dagegen zeigt möglichst viele Eigenschaften eines Dinges als Ganzheit.
Wenn man genau hinsieht, sieht auch jeder, dass sich ein Wissenschaftler nicht mit der Benennung eines Gegenstandes zufrieden gibt, sondern genau wissen will, was das Wort z. B. “Ordovizium” bedeutet.
Je ausgestalteter der Begriff wird, desto konkreter wird er. Hegel weist darauf hin, dass es die Wissenschaftler sind, die konkret denken und das Volk, die Nichtwissenschaftler, die abstrakt denken. Er demonstriert das an einer Frau aus dem Volke und dem verurteilten Verbrecher.
Diese Tatsache erklärt auch ein Verhältnis von Wissenschaft und Glauben. Wir glauben so gerne, weil es einfach ist. Irgend etwas, das wir nicht verstehen oder das wir nicht wissen (wollen)? Nennen wir es Gott und denken nicht weiter darüber nach!
Der Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin, die sich nicht zufriedengeben mit einer Seite eines Gegenstandes, die immer tiefer hineingehen müssen, immer mehr wissen wollen, immer genauer hinsehen, schaffen dort ein immer konkreteres Bild des Gegenstandes, wo sich das Volk mit einer einfachen, möglichst einer Einwortbeschreibung zufrieden gibt.
Die abstrakteste Zeitung auf dem deutschen Markt ist die Bild-Zeitung. Die Sprache ist einfach, verkürzt auf Hauptsätze und Behauptungen und kümmert sich nicht um den Wahrheitsgehalt der Aussagen.
Das entspricht genau dem Willen des Volkes. Benenne eine Sache, alles andere ist zu schwierig. Ich habe immer noch die Ausrufe einiger meiner Freundinnen im Ohr: “Musst du immer alles so zerpflücken?”
Der Weg der Erkenntnis geht vom sinnlich Konkreten: “Dieser Apfel jetzt, angebissen” zum geistig Abstrakten: “Der Apfel an sich”, “Das Anbeissen”.
Der Weg der Lehre dagegen geht vom geistig Abstrakten zum geistig Konkreten “Das Logo meiner Lieblingscomputerfirma ist ein angebissener Apfel”.

Dieser ist kein objektiv reales Ding mehr, sondern ein Symbol, ein Zeichen, das für eine Fülle von Eigenschaften steht und Ähnlichkeiten mit einem Namen aufweist, aber nicht dasselbe wie ein Name ist.
Dieser Weg ist anstrengend, ist Wissenschaft, weil Wissen über Sachverhalte geschaffen und gesammelt wird.


