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Gleichheit und Begabung

Donnerstag, 7. Februar 2008 | Autor: Bernd Floßmann

Gleichheit ist eine der grossen Forderungen der französischen und fast aller weiteren Revolutionen danach. Gleichheit – was bedeutet das aber wirklich? Ist die Forderung nach Gleichheit mehr als ein neidisches “Ich auch!”?

Artikel 3 des Deutschen Grundgesetzes garantiert die Gleichheit vor dem Gesetz: “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.”

Wer Gleichheit fordert, erkennt die Existenz von Ungleichheit an. Wer in ein Grundgesetz schreibt, dass die Menschen vor dem Gesetz gleich sind, hat es offenbar nötig, muss also den üblichen Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft regulierend entgegenwirken.

Welche Ungleichheiten gibt es denn so? Katalogisieren wir doch mal oberflächlich:

  • Ungleichheiten der Geburt, Geworfen-Sein, Existenz, Begabung, des An-Sich-Seins
  • Ungleichheiten der Behandlung, Stand, Benachteiligung, Bevorteilung, historische Veränderungen der Bewertung des Standes, der Schicht oder der Klasse, in der ein Mensch sich befindet, des Für-Andere-Seins
  • Ungleichheiten der Freiheitsfähigkeit, der Fähigkeit, aus sich etwas zu “machen”, des Für-Sich-Seins

Gleichheit, so sehen wir, gibt es naturgemäß nicht. Naturgemäss gibt es nur die Ungleichheit. Dies gilt für die objektiv natürliche wie für die objektiv gesellschaftliche (soziale) als auch für die subjektive Ungleichheit.

“Begabung” ist ein Beschreibungsbegriff für die Existenz besonders aus der Masse der Menschen herausragender Persönlichkeiten, wie Einstein, Mozart oder Hegel. Es ragen auch andere Menschen aus der Masse heraus, bei denen wir je nach Parteinahme den Begabungsansatz mehr oder weniger gern benutzen, solche Menschen wie Hitler, Pol Pot oder Stalin werden ungern als Beispiele für Begabung benutzt.

Der Begriff “historische Persönlichkeit” bezieht sich auf die Ergebnisse des Zusammenwirkung von Begabung, historischen Umständen und Entwicklungsbedingungen, die oft erst Jahrhunderte nach dem Ableben der jeweiligen Persönlichkeit als bedeutsam gewertet werden.
Auch von diesen Personen wissen wir allerdings erst, nachdem sie sich aus der Masse hervorgehoben haben, als durch Taten berühmt oder berüchtigt gewordene, welche selbst nur unter konkreten besonderen, nur diesem Individuum zukommenden Umständen möglich waren und unter bestimmten Kommunikationsbedingungen ins öffentliche Bewusstsein gelangen.
In diesem Sinne wird “Begabung” als Erklärung post festum, also als ein Erklärungs-, Erzählungs-, Rechtfertigungs-, als ein Interpretationsbegriff verwendet.

Objektive und subjektive Seiten der Ungleichheit, die ich entsprechend meinem Kompetenzansatz hier als Begabung bezeichnen will, verändern sich in der Ontogenese, der Entwicklung des menschlichen Individuums.

Das Wort “Begabung” verweist auf den passiven Charakter der Tatsache, die damit bezeichnet wird. Jemandem wird etwas gegeben, es ist kein eigenes Tun erforderlich, um “es” zu haben. Wie dem Dornröschen werden dem Neugeborenen Eigenschaften mitgegeben, von denen nicht klar ist, worum es sich handelt und ob sie zum Guten oder zum Bösen ausschlagen werden.

Dem (oder der) gegeben wird, ist ein Individuum, dessen Individualität durch diese Gabe maßgeblich bestimmt wird. Wer Geber selbst ist, ist unbekannt. Im Märchen waren es die Feen, andere vermuteten, dass es sich um das Universalindividuum “Gott” handele, das den Auserwählten mit Schriftrollen füttert (Ezechiel 3.3). Jetzt heißt dieser Gott mitunter Vererbung. Einige glauben auch an Knotenpunkte in der Komplexität der Welt, die mehr oder weniger zufällig ein Individuum treffen. Dies kann vorgestellt werden, wie dass der Weltgeist auf seiner (oder ihrer) Reise im Kopf des begabten Menschen Heimstatt sucht (ihn heimsucht).

Der begabte Mensch ist damit durchaus nicht mehr sein eigener Herr, er muss der Begabung folgen – so wurden Propheten begeistert, wurde das Genie geboren, handelt das Dämonische durch die Menschen. Auf jeden Fall ist das gebende Wesen eines, dessen Aktivität mit der Geburt aufhört. Mit der Geburt beginnt das Individuum aktiv mit dieser Begabung umzugehen und in Auseinandersetzung mit förderlichen oder widrigen Umwelteinflüssen jene freien Taten zu begehen, aus denen wir das Vorhandensein einer Begabung ableiten.

Die Begabungen reifen unter den Lebens- und Lernumständen, gewissermaßen im eingeschränkten (Königs-) Hof des Kindergartens, der Schule. Hauptsächlichen Einfluss haben die Mitschüler, die Eltern, die Lehrer – in dieser Reihenfolge.

Mit dem 15. Lebensjahr wird die Begabung gesellschaftlich wirksam, welche und ob mit positiver oder negativer Wirkung auf die Begabten selbst und auf die Gesellschaft, zeigt sich erst dann.

Die drei Seiten der Begabung, des Andersseins spiegeln historische und logische Epochen der Persönlichkeitsentwicklung von der Objektivität zur Subjektivität, von der Natur zur Freiheit.

Wenn wir von der Existenz von Ungleichheit ausgehen müssen ist also ungleiche Behandlung notwendig, um Gleichheit herzustellen. Recht und Unrecht zeigen hier was sie wirklich sind, zwei Seiten des Verhältnisses von Menschen zueinander – Gegensätze, die Äusserungen der Bewegung des Menschen sind vom Naturwesen über das gesellschaftliche Wesen (Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse, wie Marx sagte) zum freien Wesen.

IQ-Tests

Erklärungen post festum sind jedoch auch die Ergebnisse von IQ- Tests, wie auch immer diese gestaltet sind. Der Test ist eine Vorannahme einer Lebenswirklichkeit, eine experimentelle Gestaltung von Anforderungen, unter denen sich bestimmte Begabungen bewähren müssen. Aus den Ergebnissen dieser Test wird zweierlei geschlossen:

  1. dass die getestete Person sich von anderen getesteten Personen zum Zeitpunkt des Tests in bestimmten Leistungen über ein bestimmtes Maß hinaus unterscheidet und
  2. dass zu hoffen ist, dass die getestete Person zu ähnlichen Anforderungen der Umwelt ähnliche Reaktionen zeigt, dass die eine Begabung vermuten lassende Handlung wiederholbar ist.

Wie zweifelhaft diese – ökonomisch sehr erfolgreichen – Tests sind, zeigt sich allerdings schon bei oberflächlicher Betrachtung der Anzahl von Studienabbrechern, Gescheiterten, Minderqualifizierten unter den sog. Erfolgreichen der Gesellschaft.

Ein paar Namen: Steve Jobs (Apple), Shawn Fanning (Napster), Günther Jauch, Erich Sixt (Sixt), Alice Schwarzer, Bill Gates (Microsoft), Mick Jagger, Martin Luther, Friedrich Engels, Reinhold Messner – was verbindet diese Leute? Es sind alles Studienabbrecher, Verweigerer, Leute, die heute in der Benachteiligtenförderung landen würden …

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