Die Grundfrage der Philosophie
Dienstag, 5. Februar 2008 | Autor: Bernd Floßmann
Ich habe in meinem Studium gelehrt bekommen, dass es eine “Grundfrage der Philosophie” gäbe, und dass diese Grundfrage die nach dem Verhältnis von Sein und Bewusstsein sei.
Die Frage wurde von zwei feindlichen philosophischen Richtungen unterschiedlich beantwortet, so hiess es: Der (richtige) Materialismus sei der Meinung, dass das Sein prior vor dem Bewusssein sei, das Bewusstsein also mehr oder weniger Widerspiegelung des Seins. Der (falsche) Idealismus war der Meinung, dass das Bewusstsein das Sein bestimme, das Sein also mehr oder weniger die Widerspiegelung des Bewusstseins sei.
Dabei gab es noch den Unterschied zwischen dem objektiven Idealismus (bei dem die Ideen ausserhalb des menschlichen Gehirns existierten) und dem subjektiven Idealismus (bei dem die Ideen innerhalb des menschlichen Gehirns existierten). Objektiver Idealismus, so wurde uns gelehrt, war nur verkappte Religion, und subjektiver Idealismus vollkommener Blödsinn, wie man durch Anfassen der Welt (Praxis, praktisches Handeln) leicht erkennen konnte.
So weit so einfach, aber seltsam. Was nicht so richtig passte, war, dass Klassiker Lenin in seinen Exzerpten zu Hegels Logik an einer Stelle ausrief :”Hier ist Hegel ganz nahe am historischen Materialismus!” und dass Marx bei aller Liebe zu Feuerbach dessen idealistische Liebesduselei verurteilte. Und beide schienen von Kant eine ganze Menge zu halten. Was auch seltsam erschien, war der alljährliche Ausruf (zum 1. Mai): “In der DDR sind die Ideale von Marx, Engels und Lenin Wirklichkeit geworden!” Ideale? Waren unsere Klassiker etwa doch keine Wissenschaftler, sondern Idealisten?
Was weiter nicht passte, war, dass unser theoretischer Klassiker Marx Hegel gerade in einem Punkt besonders verehrte, nämlich darin, dass dieser die verschiedenen Meinungen der Philosophen in der Geschichte nicht als unvereinbare Gegensätze, sondern als Momente in einem Progress der Entwicklung des menschlichen Denkens hin zur Selbsterkenntnis der absoluten Idee verstand (nur dieses Ende fand Marx nicht mehr so gut).
Das verführte mich dazu, in meiner Lehrprobe in der Fachschule für Bibliothekare in Leipzig diese Aussagen als provokativen Ausgangspunkt für eine differenzierte Betrachtung eben dieser Grundfrage der Philosophie zu nutzen. Ich habe Hegel als Materialisten und Feuerbach als Idealisten vorgeführt und aus dem Widerspruch zum Buch eine lustige Diskussion entwickelt. Zu Recht bekam ich für diese Lehrprobe von meiner Dozentin eine 4. Das hat mich damals sehr geärgert, zumal meine Studentinnen mir ein “ausgezeichnet” gaben.
Nun ist sicher aus der historischen Entfernung von mittlerweile 27 Jahren und einer politischen Wende die Gefahr der Beschönigung des eigenen Handelns post festum gross. Deshalb bekenne ich hier deutlich, dass ich zu dieser Zeit am Sinn des Sozialismus nicht gezweifelt hatte, auch wenn mir die damals gerade gegenwärtige Erscheinungsform dieses Sozialismus nicht vollständig gefiel (so wie mir die gegenwärtige Erscheinungsform des Kapitalismus, wie ich ihn zur Zeit erlebe, auch nicht vollständig gefällt – wir sind eben immer unzufrieden – besonders wenn das Geld knapp wird). Zwar gefiel mir der Satz, den sich auch Karl Marx von Descartes als Wahlspruch geholt hatte: “An allem ist zu zweifeln!” Mein Zweifel aber war auf die Weiterentwicklung der Gesellschaft durch die Phasen des Sozialismus oder Kapitalismus oder wie auch immer sie genannt werden, gerichtet.
Dabei (und meine Studenten von der Ingenieurhochschule seien meine Zeugen) bot mir die Vorstellung einer schräg gelegten Entwicklungsspirale durchaus die Möglichkeit, zu denken, dass ein scheinbarer Rückschritt (roter Pfeil) trotzdem oder gerade deswegen Bestandteil eines Fortschritts (schwarzer Pfeil) sein könne.
Mein Verständnis der Grundfrage der Philosophie entwickelte sich für mich immer stärker dahin, die Entwicklung des menschlichen Denkens, bzw. der Fähigkeit, die Welt denkbar zu machen, zu verstehen. Mit dem Gegensatz von Materialismus und Idealismus hatte das nichts mehr zu tun.
Je mehr ich nun die Geschichte der Philosophie studierte (und das Verstehen der Autorinnen und Autoren dieser Geschichte ist für mich immer noch anstrengend), desto mehr löste sich dieser Gegensatz auf in ein lebendiges Spiel der Ideen und Vorstellungen des Wissens von der Welt.
Für mich war der dialektische Materialismus immer eine Vereinigung des Idealismus (Dialektik) und des Materialismus gewesen. Bis heute fällt es mir schwer, in diesem Begriff (Diamat) jenen ideologischen Terminus zu erkennen, als der er als Gegenbegriff zur Metaphysik (die als undialektischer Idealismus definiert wurde) unzweifelhaft benutzt wurde.
Jetzt weiss ich, dass ein grosser Teil des Nichtverstehens von Philosophie dieser Ideologisierung (die von allen Seiten immer noch betrieben wird) anzulasten ist. Wie beneide ich die Genies, die fähig waren, schon sehr früh diese ideologischen Schranken zu überspringen und wie leide ich mit den Denkern, wie Hölderlin, die an diesen ideologischen Schranken zu Grunde gegangen sind.
Über diesen herrlichen Idealisten jedoch in einem der nächsten Blogbeiträge.



