Home

Anleitung für die (pseudo-) akademische Diskussion

Montag, 14. Januar 2008 | Autor: Bernd Floßmann

Als ich noch in der Gelegenheit war, an sogenannten “akademischen” Diskussionen teilzunehmen, also Diskussionen von Wissenschaftlern oder vielmehr solchen, die sich dafür halten, fiel mir oft auf, dass bei einigen dieser Diskussionen bestimmte Regeln zu gelten schienen. Für mich, der ich eine dialektische Diskussionsweise bevorzuge, die vor allem darin besteht, in einer Diskussion einen bestimmten oder irgendeinen der logischen möglichen Standpunkte so lange zu verteidigen und “durchzuhalten”, bis ich von dessen Unrichtigkeit, Ungenauigkeit oder gar Falschheit (letzteres geschieht aber in der dialektischen wissenschaftlichen Diskussion eher selten) überzeugt bin und dann sofort oder in ganz kurzer Zeit diesen Standpunkt zu revidieren (was mir mitunter vorgeworfen wurde) war diese Erfahrung eher verletzend und hat mir ein tiefes Misstrauen in die akademische Diskussion eingeflößt.Solche Regeln waren:

  1. Rede niemals als Erster
  2. Sobald jemand doch einen Standpunkt geäussert hat, kritisiere diesen Standpunkt mittels einem dieser drei Vorwürfe:
    1. “Du vereinfachst zu stark” oder “diese Vorstellung (Definition) ist zu eng gefasst”
    2. “Du verkomplizierst zu stark” oder “diese Vorstellung (Definition) ist zu weit gefasst”
    3. Du zerredest alles (dies ist natürlich eine Killerphrase)
  3. Frage nie nach (Habe ich Sie richtig verstanden?), sondern greife an: “Sie haben behauptet … (gesagt …)”
  4. Richte deinen Angriff auf Nebenbemerkungen oder noch besser stütze ihn auf eine Unterstellung (Popanztechnik). Nur in den seltensten Fällen (oder wenn eine Audioaufnahme mitläuft) kann der Sprecher oder die Sprecherin sich noch erinnern, was sie oder er gesagt hat. Davor schützt auch ein vorgelesenes Manuskript nicht, weil ja kleine Wörter wie Negationen überhört oder unverständlich ausgesprochen werden können. Falls die Aufnahme überprüft wird, kannst du dich immer noch herausreden oder entschuldigen, der Redner ist auf jeden Fall verwirrt.
  5. Sobald du über andere redest, lass dich nicht unterbrechen, weil eine Unterbrechung bedeuten könnte, dass du selbst angreifbar wirst.
  6. Formuliere daher nie deutlich oder gar verständlich, arbeite alle möglichen logischen Varianten in deinen Vortrag ein und benutze dabei immer wieder die Formulierungen “Und ich sage das ganz deutlich …”, “Wie Sie wissen …”, “bekanntlich”. Diese Formulierungen in die Rede eingestreut müssen sich dabei auf Schriften beziehen, die mit möglichst grosser Wahrscheinlichkeit niemand ihrer Hörer jemals gelesen hat oder zu Gesicht bekommen wird.

Trackback: Trackback-URL |   
Feed zum Beitrag: RSS 2.0  | Thema: Essays

Diesen Beitrag kommentieren.

Kommentar abgeben

Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes