Die Gretchenfrage nach dem Glauben
Montag, 20. August 2007 | Autor: Bernd Floßmann
Letztens im Garten auf einer Party wurde mir die Gretchenfrage gestellt. Ihr wisst schon, die Frage:
Gretchen: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“
Als Faust ausweicht, fragt sie nach: „Glaubst du an Gott?“ und „So glaubst du nicht?“
Wonach wird da eigentlich gefragt? „Glaubst du an Gott?“ Auf meine Nachfrage, was unter Glauben und was unter Gott verstanden wird, gab es Verständnislosigkeit und, vor allem, keine Antwort.
Glaube steht in meiner Begriffswelt als Gegenbegriff zu Wissen. Glauben muss ich was ich (noch) nicht weiß.
Gott und die Götter steht für das was ich nicht anders benennen kann. Das Wort “Gott” ist ein Platzhalter. Sobald ich einen Begriff einer Sache habe, benötige ich diesen Platzhalter nicht mehr.
Nur noch wenige Menschen auf der Welt benötigen den Gott Zeus um Blitze zu bezeichnen.
Zeus ist jetzt anders ausdrückbar: Naturerscheinung, elektrische Entladung. Plasma. Mit einem Blitzableiter sind die schrecklichsten Folgen dieses Naturereignisses zu verhindern oder zumindest zu mildern. Es gibt also eine vernunftgeborene Maschine, den Blitzableiter, die den Blitz unter die Macht der Menschen stellt. Damit hört der Blitzeschleuderer Zeus auf zu existieren.
Was bedeutet die Frage “Glaubst du an Gott?” also wirklich? Sie bedeutet: Gehörst du zu uns? Unterwirfst du dich unserer Denkbeschränkung? Bist du genauso wie wir bereit, nicht mehr weiter zu denken? Bist du genauso wie wir? Das ist genau der Punkt, bei dem die Religion ins Spiel kommt. Das Versammeln in einer Kirche, die Gemeinsamkeit ist anscheinend nur möglich, wenn nicht weiter gefragt, nicht weiter gebohrt, nicht weiter gedacht wird. Das Dogma ist verbindend.
Was mir bei den praktizierten Religionen oft fehlt, ist die Lockerheit, der Pragmatismus, mit der z. B. die Mathematiker, deren Wissenschaft ähnlich wie eine Religion aufgebaut ist, an die Dogmen ihrer Wissenschaft – hier heissen sie Axiome, herangehen.
Ein Mathematiker sagt: “Nehmen wir mal an, es gäbe, entgegen den Vorstellungen unseres gesunden Menschenverstandes und der formalen Logik, eine Zahl die nicht Null aber auch nicht etwas ist. Nennen wir diese Zahl d. Nun können wir die Infinitesimalrechnung auf dieser Zahl aufbauen und eine ganze Menge von praktischen Problemen der Kurvenberechnung in praktisch verwendbarer hinreichender Genauigkeit lösen, die wir mit dem gesunden Menschenverstand und der formalen Logik bisher nicht lösen konnten.”
In der Religion hieße das in der selben Sprechweise: “Nehmen wir an es gäbe eine Wesenheit, die Wirkung auf uns ausübt (als Fatum) und auf die wir wirken können (durch unser Verhalten und/ oder unsere Gebete). Nennen wir diese Wesenheit Gott. Dann können wir mit diesem Gott eine ganze Reihe sonst unlösbarer moralischer und gesellschaftlicher Probleme, wie z. B. die Überwachung des heimlichen Handelns (Gott sieht alles!), einen allgemein verbindlichen Verhaltenskodex (christlich, islamisch), eine Sicherung von Sitten, lösen.”
Also, wie hältst du es nun mit der Religion?
Ich beobachte. dass die Religion als Zuchtwerkzeug und Trost für die Massen wirkungsvoll, also nützlich für jede Art von Herrschaft ist. Sie wirkt ausserdem als Opiat, also beruhigend.*
Die Kirche dagegen ist nur eine Form der Nutzung von Religion für Macht – eben weil sich die Kirche als die Vereinigung von Menschen versteht. **
Ich benötige sie nicht. Ich achte sie als Quelle für Kreativität und Kultur (wie des schönen Gebäudes im Kopf dieses Blogs, der Akropolis). Ich würde, im Gegensatz zu den Glaubenskriegern jeder Farbe, nie eine Kirche zerstören.
Als Fessel für menschliches Denken halte ich Glauben und Religion für gefährlich. Als Basis für menschliches Verhalten und hinreichend sicherer Ausgangspunkt für Gedankengebäude im Sinne eines mathematischen Axioms ist sie zweckmäßig. Zweckmässig ist aber auch ein Dolch, um Menschen zu ermorden, zweckmäßig ist Brot um Menschen zu ernähren. Zweckmäßig heißt noch lange nicht gut. Die Form der Religion ist dabei zweitrangig, wenn nicht sogar zu vernachlässigen. Ein Krieg zwischen den Religionen um Vorherrschaft ist unsinnig und immer verlogen.
Es geht also um die Verwendung der Religion wie um die Verwendung eines Dolches, die über meine Stellungnahme entscheidet.
Eine Religion, die Menschen zusammenführt, Verständnis und Zusammenarbeit ermöglicht, ihnen Hoffnung macht und in schwierigen Zeiten eine sichere Stütze ist, ist ebenso gut und nützlich wie das Einmaleins, das ich benutze, um meine Finanzen zu berechnen oder meine Bücher zu zählen. Ebensowenig, wie ich das Einmaleins benutzen würde, um komplizierte Kurvenberechnungen zu machen oder einen Weltraumflug zu planen, ebensowenig würde ich mich mit den Mitteln der Religionen zufriedengeben, um meine persönlichen und alltäglichen Probleme zu lösen oder mir Gedanken um die Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen.
Wie halte ich es also mit der Religion? So weit sie reicht nutze ich sie auch, wenn sie nicht reicht, bin ich bereit ihre Grenzen zu überschreiten, und andere Möglichkeiten auszuprobieren.
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*Anmerkung: Dr. Blume (dessen Blog ich mit Interesse lese und den ich auf Grund seines Wissens empfehlen kann) nimmt an, dass die Gretchenfrage eher die nach sexueller Sicherheit ist. Seine Vorstellung scheint zu sein: Ist er religiös, ist er auch treu und steht zu seinem Kinde. Nun, treu kann ein Mensch auch ohne Religion, gar ohne Trauschein sein, und untreu kann er oder sie auch mit der Religion sein. Nicht umsonst ist Ehebrecherei in allen Religionen eine der am schärfsten verfolgten Sünden. Würden die Gläubigen nicht massenhaft ehebrechen, bräuchte man solch eine Regel gar nicht.
** Anmerkung 2 und hier die andere Seite des Christentums:
Deschner, der Kirchenkritiker
und hier eine Sendung über ihn:
Teil 1:
Teil 2:


