Perpetuum Mobile
Mittwoch, 15. August 2007 | Autor: Bernd Floßmann
„Wenn sie den Stein der Weisen hätten, der Weise mangelte den Stein“ (Goethe)
Es gibt eine Geschichte, in der ein schäbig gekleideter Mann einem Beamten des Patentamtes ein perpetuum mobile bringt. Dieser Mann ist bescheiden, er legt den kleinen schwarzen Kasten, aus dem eine Welle ragt, welche sich dreht und dreht … einfach auf den Tisch, spricht: „Schauen Sie sich das doch einfach mal an!“ und verläßt den Raum. Der Beamte, der es gewohnt und müde ist, soche Art Maschinen vorgestellt zu bekommen, die am Ende nie funktionieren, reagiert auch diesmal zurückhaltend. Er wirft den Mann nur deshalb nicht hinaus, weil dieser schon von selbst verschwunden ist, bevor er überhaupt reagieren kann. Ein paar Tests ergeben, dass DIESE Maschine, dieses perpetuum mobile, anders ist, sie FUNKTIONIERT. Jeder weiss aber, dass eine solche Maschine nicht funktionieren KANN. Selbst als die Maschine nun schon Monate läuft und mittlerweise das ganze Patentamt mit Energie versorgt, können die Beamten nicht zugeben, dass es ein perpetuum mobile ist, was sie da erhalten haben. Der Mann selbst kommt, zumindestens in dieser Geschichte, nicht wieder …
Das perpetuum mobile ist ein Traum von der idealen Maschine, die Utopie des Ingenieurs. Tausende von mehr oder weniger begnadeten Menschen waren und sind auf der Suche nach dieser Maschine. Ebenso wie bei der Utopie, dem Traum von der idealen Ordnung am idealen Ort – dem Ort, an dem alles bestens funktioniert, alle Menschen so zusammenleben, wie wir es alle hoffen, in Frieden und Ordnung oder in Freiheit und Glück, wird nach etwas gesucht, das wir noch nicht oder nicht mehr zu haben meinen. Wie die Suche nach einem Körperteil oder einer Fähigkeit, welche verlorengegangen oder erlangt werden kann und dann alle unsere Probleme löst, suchen die Erfinder der perpetuum mobile und die Entdecker der Utopia woanders, nicht hier. Sie lesen U-Topia als „Kein-Ort. Nirgends“. Und die Wirklichkeit, ihre Wirklichkeit scheint ihnen Recht zu geben – wirklich, niemand hat bisher ein perpetuum mobile gebaut, niemand hat Utopia gefunden, niemand hat die Lahmen gehend und die Blinden sehend gemacht. Niemand? Wirklich Niemand?
Wenn wir etwas nicht wahrnehmen, kann es dafür drei Gründe geben: Enweder wir haben noch nicht hingesehen, also erst muss jemand kommen und uns zeigen, oder das was wir sehen wollen ist zu groß oder zu klein. Wir brauchen jemanden, die oder der uns etwas sichtbar macht. Diese Leute gibt es, sie nennen wir Künstler. Sie zeigen uns, was wir noch nicht gesehen haben, wenn es auch vor unserer Nase liegt, sie verkleinern das Universum und vergrößern die Atome.
Lesen wir doch U-Topia anders. Was würde sich an unserem Verhalten ändern, würden wir lesen: U-Topia – Kein bestimmter Ort. Überall.
Und wirklich, das perpetuum mobile, welches die Erfinderinnen und Erfinder suchen, das Utopia ist schon lange da. Wir sind Bewohner eines Solchen. Es ist hier. Unser Universum dreht sich und dreht sich. Schon sehr lange und auch noch absehbar lange. Das Ende, das Zuschlagen der Entropie, ist ein Theoretisches. Es ist so weit entfernt von unserer Zeit, dass der Anfangs- und der Endzustand unserer Welt mit Gesetzen beschrieben werden muss, von denen wir nichts ahnen, die mit unseren physikalischen Gesetzen nichts zu tun haben. Gesetze für die die Gesetze der Thermodynamik und der Entropie so erscheinen wie das kleine Einmaleins gegenüber der Infinitesimalrechnung.
Praktisch, und irgendwie haben wir das immer gewußt, pragmatisch, ist diese Welt, die uns umgibt, das perpetuum mobile welches wir suchen, und an deren Welle wir nur unsere Geräte anzuschließen brauchen um genug Energie zur Verfügung zu haben, praktisch ist Utopia, der Ort, an dem wir jetzt glücklich und vollkommen sein können (und zur Vollkommenheit gehört auch der Mangel und die Schwäche), hier – jetzt.
Wir benötigen noch eine möglichst große Posaune, um das möglichst vielen Menschen mitzuteilen. Utopia ist – hier, Utopia ist jetzt. Wir leben in einem perpetuum mobile, wir müssen diese Kraft in uns nur finden und dann nutzen.


