Home

Das Begehren und das Paradies

Mittwoch, 15. August 2007 | Autor: Bernd Floßmann

Begehren ist zweierlei: Begehren nach dem was ich noch nicht habe oder Begehren nach dem was ich nicht mehr habe. Das was ich habe, darauf richtet sich kein Begehren. Das Eine ist die Utopie – der „Kein Ort – das Überall“. Das Andere ist das Paradies – der Garten, das Umfriedete, die Nicht-Wüste.

Drei Stufen gibt es zum Paradies: Die Mühen des Weges, die Ängste des Tores und die (Ent)täuschung der Erfüllung.

Der Ort des Paradieses und seine Weise ist erinnerbar, Wasser genügend und Pflanzen, Tiere und Frieden, friedliches Miteinander ohne Wut und Begehren.

Das Begehren kommt erst durch das Verbot Gottes. Nicht diese Frucht von diesem Baum! Ohne das Verbot kein Begehren. Warum tut er (oder Sie?) das? Die Schlange verstärkt das Begehren nur. Sie zeigt, macht einen Vorschlag. Die Entscheidung liegt bei Eva und führt zur Scheidung – zur Trennung vom falschen Paradies, der Hölle der ewigen Befriedigung und zum Leben im wahren Paradies des ewigen Begehrens.

Die Mühe

Evas zweite Entscheidung ist deshalb – Eva folgt Adam:

Mit dir zu geh’n ist Paradiesverweilen, doch ohne dich wär hier selbst höchste Pein.(” In me is no delay; with thee to go,Is to stay here; without thee here to stay,Is to go hence unwilling; thou to meArt all things under Heaven, all places thou, “John Milton. Paradise Lost. Book XII)

Aus dem Begehren folgt Mühe, die ich mir mache. Die Summe dieser Mühen ist Kultur, Technik, Wissenschaft. Alles Mittel, Mittler, Abstand zwischen mir und dem Begehrten. Die Glücklichen unter uns haben verstanden, dass das Begehren seliger macht als die Erfüllung. Das Mittel ist wichtiger als das Ziel. Je mehr Mittel zwischen mir und dem Begehren liegen, desto größer der Genuss. Das Auto ist wichtiger als das Reiseziel, die Liebe wichtiger als der Orgasmus, der Weg wichtiger als das Ziel. Ganze Völker begreifen das und bieten sich als Nomaden, Scouts, Lastenträger, Sherpas den Zielstrebigen an. Wohl wissend, dass der Sehnsuchtsvolle beim Erreichen des Ziels bestenfalls seine Sehnsucht verliert, halten sie sich in der Rolle der Gewinner, sie gewinnen immer. Ein neuer Weg ergibt sich mit jedem Schritt den ich tue.

Hat uns der Verlust des Paradieses aus dem Ummauerten ins Freie, in die Wüste gewiesen, treibt uns die Sehnsucht ins Ummauerte. Vor dem Paradies aber steht der Wächter.

Die Hoffnung

Das Tor zum Paradies ist die Hoffnung. Der Wächter, das wissen wir seit Kafka, lässt uns nicht ein, auch wenn das Tor nur für uns bestimmt ist. Er weiß, dass die Hoffnung erhalten, das Begehren unerfüllt bleiben muss um uns im Glück zu halten. Er weiß, dass hinter dem Tor nichts ist, das Paradies nur eine Ansammlung von weiteren Kästen, Einfriedungen, Umfriedungen.

Wir wollen den Wächter nicht verstehen, wir sehen, hören, fühlen einfach nicht hin. Wir wollen durch’ s Tor, Türen aufstoßen, Mauern niederreißen.

Hier geschieht nun so viel Menschliches, wir produzieren unsere Vorzüge und verstecken unsere Nachteile. Wir kriechen wie die Ratten und tanzen wie die Affen. Auch hier gibt es jene, die begriffen haben, wo der eigentliche Sinn liegt. Jene Taschendiebe des Glücks, die davon leben, dass der Sehnsuchtsvolle, Hoffende abgelenkt ist vom wirklich Wichtigen – erleichtern eben diesen um dieses Wichtige, schneiden den Beutel, nehmen, was nicht geachtet wird, um sich selbst ein Leben zu geben.

Die Erfüllung/ Enttäuschung

Und schließlich da wir das Tor aufgestoßen, die Mauer niedergerissen haben, begreifen wir auf grausame Weise, dass da nichts ist das es wert war, die Tür aufzustoßen, die Mauer niederzureißen.

Gott hat sich natürlich was gedacht, als er uns mit des Lichtbringers Hilfe auf Grund unserer eigenen Entscheidung aus dem Paradies verjagte: Schluss mit dem sinnlosen, begehrungslosen Dasein. Der entscheidende kleine Schritt ist der aus der Norm in die schmerzhafte, begehrensreiche, mühselige, glückliche Freiheit der ganzen Welt.

Hinaus ins Offene!

Trackback: Trackback-URL |   
Feed zum Beitrag: RSS 2.0  | Thema: Essays

Diesen Beitrag kommentieren.

Kommentar abgeben

Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes