Thales im Brunnen oder die alten Weiber in der Philosophie
Donnerstag, 25. Januar 2007 | Autor: Bernd Floßmann
Diogenes Laertius, dem wir trotz seiner eitlen Geschwätzigkeit einige, oft die einzigen verlässlichen Informationen über Philosophen des Altertums verdanken, berichtet eine Erzählung (wohl nach Platon) über Thales, daß dieser einst, um die Sterne zu beobachten, seine Wohnung verließ und dabei in eine Grube fiel. Ein “altes Weib”, das ihn begleitete, rief dem Philosophen zu: “Du kannst nicht sehen, Thales, was dir vor Füßen liegt, und du wähnst zu erkennen, was am Himmel ist?” (Diogenes Laertius. Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Meiner. I 34).
Wenn wir jedoch bedenken, dass Sterne, in Ermangelung von Teleskopen, aus einer Brunnenröhre leichter zu beobachten sind, handelt es sich hier möglicherweise um die aktive Missdeutung (und damit Abwertung) einer wissenschaftlichen Arbeitsweise. Dieses Weib hat so eine der typischen Weisen entdeckt, wie Ungebildete mit Weisen umgehen: Sie urteilen, meist abwertend und hämisch, statt und bevor sie fragen.
(siehe auch hier)
Mitunter sind die Sprüche dieser alten Weiber (die nicht immer weiblich und damit Frauen sein müssen) besser überliefert, als die Gedanken der Philosophinnen und Philosophen selber. So finden wir dieses alte Weib auch bei Nietzsche, wo sie als Antwort auf und Zusammenfassung seiner Überlegungen ihre “kleine Wahrheit” sagt: “Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!”. Dieser Spruch gilt bis heute als Meinung Nietzsche’s, selbst wenn im Originaltext weder Nietzsche, noch sein alter ego Zarathustra dieser Meinung beipflichten und selbst wenn nicht gesagt wurde, gegen wen die Peitsche durch wen angewendet werden sollte.


